«Ich wollte den Anschluss nicht verpassen»

Pro Senectute St. Gallen bietet in allen Regionen Computerkurse für Einsteigerinnen und Einsteiger an. Eine von ihnen: Hedwig Bitter. „Es ging schlicht darum, den Anschluss nicht zu verpassen“, sagt sie. Wie gehen ältere Menschen mit der Digitalisierung um? Zu Besuch beim Windows-Kurs in Wil.

Von Michael Walther, Redaktor Newsletter Pro Senectute Kanton St. Gallen 

«Wir haben gerade ‹Thunderbird› installiert», sagt Kursleiter Otto Wälchli. Es ist Freitag, 20. September, Pro Senecute in Wil SG, der Kursraum im Dachstock, 10 Uhr, drei Teilnehmerinnen, der dritte Vormittag des aktuellen Kurses «Windows 10 für AnfängerInnen».

«Ich habe da ein Durcheinander. Ich weiss gar nicht, was ich da gemacht habe», wirft Hedwig Bitter ein.

«Warte kurz, ich nehme grad den anderen Bildschirm. Du hast hier das Feld ‹Datum›. Hier siehst Du die Mails von gestern. Du kannst sie zeitlich oder alphabetisch ordnen», antwortet Kursleiter Otto Wälchli.

«Soll ich die Mails lassen oder sie löschen?», erkundigt sich eine Kollegin. «Wenn Du viele Mails hast, kannst Du sie sortieren wie im Büro auch. Das erledigst Du mit der rechten Maustaste unter ‹Lokale Ordner›. Du legst einen neuen Ordner an und benennst ihn», antwortet hier der Kursleiter.

Otto Wälchli war Ingenieur und arbeitete bei Bühler Uzwil. Zuletzt leitete er eine Verkaufs- und Servicegesellschaft für Druckgiessmaschinen. «Ich bin kein Informatiker», sagt er. «Aber in meinem Beruf musste man Computer einfach anwenden können.»

Wälchli lebt in Zuckenriet. Heute baut er in der Freizeit 3D-Drucker. Und erteilt für Pro Senectute Kurse – vier sind es: den Einsteigerkurs, einen Kurs für Fortgeschrittene, dann einen Kurs zur Reiseplanung mit Handy und Personalcomputer sowie die «Computeria»: Am letzten Mittwoch des Monats können Interessierte einfach die Geschäftsstelle aufsuchen. Wälchli beantwortet ihre Fragen in Zusammenhang mit Computern und hilft ihnen beim Problemlösen.

Vermittlung auf verständliche Art


Doch was bringt die Teilnehmerinnen dazu, den Kurs, in diesem Fall den Einsteigerkurs für Windows, zu besuchen?

«Mein Mann ist vor eineinhalb Jahren gestorben», erzählt Hedwig Bitter. Die 74-Jährige wohnt in Mühlheim TG und war Tierpsychologin. «Bis dahin machte er immer alles am Computer. Er wollte es mir noch beibringen, aber das klappte nicht mehr. Die Administration beherrschte ich durchaus. Alles andere habe immer ich gemacht. Aber immer mehr läuft über den Computer.»

Sie sei immer wieder gefragt worden, «Du, gib mir mal rasch die Mailadresse. Ich sende Dir ein E-Mail. Und dann sitzt man hier und hat das nicht. Es gab schlicht eine Dringlichkeit, den Anschluss nicht zu verpassen», so Hedwig Bitter.

Auch das Beispiel Flixbus erwähnt sie: «Im Sommer musste ich nach Koblenz. Ich glaubte, der Bus sei nur für Junge. Aber dann musste mir eine Kollegin das Billett am Computer bestellen.»

Gerade beim Reisen planen habe sie schon viel gelernt: «Das Internet hat klar Vorteile. Es ist cool, dass ich es googeln kann, wenn mich etwas interessiert und so alle Antworten erhalte. Beim Reisen suche ich einfach einen Ort, wo ich hinmöchte. Dann erfahre ich alles darüber – inklusive Hotels.»

«Wissen Sie», sagt Hedwig Bitter, «durch Herrn Wälchli werden uns auf normalverständliche Art wichtige Dinge vermittelt. Ich besuche den Kurs jetzt erst zum dritten Mal. Aber bereits wurde mir die Angst vor dem Computer genommen.»

«Klar», meint sie, «ich werde nie die sein, die stundenlang vor dem Computer sitzt. Aber ich bin mit dem Gelernten bis jetzt sehr zufrieden.»

Den Tennisplatz für die Kolleginnen reserviert

Auch ihre Kurskollegin kann als Mutter und Zeichnerin-Konstrukteurin auf ein reiches Berufsleben zurückblicken. «Ich war bei einem Küchenhersteller angestellt und führte Projekte aus. Aber ich habe immer manuell gezeichnet und den Computer nie genutzt. Ich kam immer ein wenig darum herum.»

Auch bei ihr ist es so, dass ihr Mann den Umgang mit dem Computer bestens beherrscht. «Ich habe es immer ein wenig von mir weggeschoben. Mein Mann und meine Kinder haben darauf bestanden, dass ich es selber einmal probiere.»

Mails beantwortete sie bereits auf dem Handy. Auch Internetsuchen beherrschte sie auf dem Mobiltelefon schon. «Es bestand keine Notwendigkeit, es zu lernen. Aber ich wollte», sagt sie. Allerdings: «Den Tennisplatz reservieren kann man nur noch übers Internet. Das musste ich immer für meine Kolleginnen machen.»

Gegenüber dem Handy biete der Laptop aber Vorteile: «Die Schrift ist grösser und leserlicher. Alles ist benutzerfreundlicher. Nur Briefe», sagt die Kursteilnehmerin, «die werde ich immer von Hand schreiben. Ich verschicke viele Karten. Das ist von Hand einfach persönlicher.»

Auch sie ist mit dem bereits Gelernten zufrieden. «Ich hätte aber gern genaue Unterlagen», sagt sie. «Im Unterricht geht es mir zu schnell.» Otto Wälchli sei sehr nett. Es sei verständlich, er müsse die Lösungswege immer allen Kursteilnehmerinnen zeigen. Da bleibe nicht so viel Zeit. «Mit genauen Unterlagen könnte ich alles zu Hause schrittweise nochmals üben. Das geht so nicht.»




Die Fragen und Bedürfnisse der Teilnehmenden stehen im Vordergrund. Otto Wälchli und Teilnehmerinnen am Pro-Senectute-Kurs «Windows 10 für Anfänger» in Wil.
«Ich hatte ein klares Anliegen, und meine Erwartungen wurden klar erfüllt»
«Die Augen sehen nicht mehr gut. Das Lesen ist anstrengend. Am Computer ist es einfacher.»

Statement von Kursbesucher Jörg Zink

Der Stecker noch im Plastic verpackt

Kursleiter Wälchli gibt beim Kursbeginn ein Dossier ab. «Bei Kursbeginn gibt es immer Überraschungen», meint er. «Die Teilnehmerinnen haben verschiedenste Fragen und Erwartungen. Ich versuche dann auf alles einzugehen.»

Bei den Einsteigerkursen sei es am anstrengendsten. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen auf einem unterschiedlichen Niveau: «Es kamen schon Leute, die hatten den Stecker noch im Plastic verpackt.» Teils geht’s auch um motorische Dinge. «Viele wissen nicht, wie sie mit der Maus umgehen müssen oder kennen die rechte Maustaste nicht.»

An eigenen Inhalten und Aufgaben fehlt es dem 71-Jährigen nicht. «Aber meine Motivation, hier Kurse zu anzubieten, besteht darin, als Rentner mein Wissen noch ein wenig weiterzugeben.» Es sei eine Freude, wenn die Kursteilnehmenden sagten: «Ich kann jetzt E-Mails schicken», oder «Ich weiss jetzt, wie ich Fotos vom Telefon versenden kann.»

Einfach probieren

Eben darum geht es im weiteren Verlauf des Kursvormittags an diesem 20. September 2019 bis zum Mittag. Die drei Teilnehmerinnen erlernen noch den Umgang mit dem Programm Word Pad, einer einfacheren Version des Word-Schreibprogramms.

Sie passen einen Musterbrief an. Lernen, wie man ein Bild einfügt und Textblöcke an einer Stelle kopiert und anderswo wieder einsetzt.

Eines aber verwundert: Alle «Einsteigerinnen» dieses Kurses sind Frauen. Üblicherweise gelten doch die Männer als Computernerds. «Männer hatten oft Gelegenheit oder den Druck, den Umgang mit der Informatik noch im Beruf zu erlernen», erklärt Otto Wälchli den Geschlechterunterschied.

Hedwig Bitter bestätigt: «Vielleicht haben Männer weniger Scheu vor einer unbekannten Maschine. Sie probieren aus und vertrauen darauf, dass sie schon nichts kaputt machen können.»

«Das müssen auch die Kursteilnehmerinnen erfahren», sagt der Kursleiter. «Man muss immer wieder neue Funktionen ausprobieren. Es geht schon nichts schief. Probieren führt immer zum Ziel.»
«Man wird selber langsamer, die Technik wird aber immer schneller»
«Heutzutage ist die Mobiltelefonie dermassen präsent – man muss sich fit machen, wenn man den Anschluss nicht verpassen will.»

Statement von Hans-Ruedi Küffer

Computerkurse bei Pro Senecute
St. Gallen

Pro Senectute St. Gallen bietet in allen Regionen eine Vielzahl Computerkurse an – wie zum Beispiel «Eine Reise buchen im Internet», «Erfolgreiche Dateiverwaltung», «Erste Schritte mit dem iPad», «Excel kennenlernen», «Fotografieren mit Digitalkameras», «Grundkurs Smartphone», «iPhone-Kurs» oder «Windows 10 kennenlernen».

Die Computerkurse sind auf den Webseiten aller Regionen aufgeschaltet: unter «Kurse und Gruppen» und dann unter «Computer + IT». In vielen Regionen gibt es auch eine «Computeria»: Interessierte treffen sich an je einem Nachmittag pro Monat und werden zu Fragen aller Art rund um das Thema Computer gecoacht. Auf den Webseiten einiger Regionen sind auch die PDFs mit allen Computerkursen aufgeschaltet.


Das Wissen als Rentner weitergeben:
Otto Wälchli, 71, leitet verschiedene Computerkurse.