Wir verwöhnten Alten

Der Newsletter von Pro Senectute Kanton St. Gallen wird Ihnen jedes Mal eine Gastkolumne eines prominenten Autors oder einer prominenten Autorin bieten. Wir starten mit Ludwig Hasler, «Wir verwöhnten Alten». Ludwig Hasler ist Philosoph, Publizist und veröffentlichte soeben den Bestseller «Für ein Alter, das noch was vorhat».

Von Ludwig Hasler

Staunend lese ich stets häufiger Meldungen wie diese: «Ältere Menschen werden im Alltag immer wieder diskriminiert, weil sie alt sind. Unter dieser Altersdiskriminierung leiden viele Senioren. Dies wurde am 5. Aargauer Alterskongress deutlich.»

Also ich gehöre selbst zu den «älteren Menschen», habe keine Ahnung, wovon hier die Rede ist. Gibt es Fakten? Ist was vorgefallen? Weiter im Text: «Ältere Menschen fühlen sich oft schlecht, störend und lästig, weil sie von der Gesellschaft solche Signale erhalten. Die Seniorinnen und Senioren wünschen sich mehr Toleranz im Alltag – etwa am Bankautomaten oder an der Kasse im Supermarkt – , keine diskriminierenden Forderungen mehr wie etwa, dass sie nur noch zu bestimmten Zeiten Zug fahren dürfen. Belastend ist auch der ständige Vorwurf, die heutigen Alten lebten auf Kosten der jungen Menschen.»
Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist. Er ist Autor des philosophischen Bestsellers „Für ein Alter, das noch was vorhat“, erschienen im Verlag Rüffer & Rub, 2019. Das Buch wurde am 28. Oktober 2019 an einer Vernissage und Lesung des Autors von Pro Senectute St. Gallen mit grossem Erfolg im „Pfalzkeller“ St. Gallen vorgestellt. Bild: zVg.  
 
Aha. Es gibt also allerlei «Gefühle». Tatsache ist, wir Älteren werden langsamer, die Jungen um uns wollen und müssen vorwärts machen, das kann lästig werden, für beide. Aber ist das schon Diskriminierung? Klar, wir stören, wenn wir mittags an der Kasse Münzen herausklauben, während Angestellte und Studenten schnell ihr Sandwich bezahlen wollen. Ich geh halt am Nachmittag in die Migros, da freut sich die Kassenfrau sogar. Dito Verkehr. Wir Alten müssen ja (meist) nicht unbedingt um acht Uhr irgendwo sein, wir können trödeln, die Jungen müssen sich beeilen, ja, das kann stören, etwa so wie einer, der mit 80 über die Autobahn schleicht. Aber Diskriminierung? Schlimmstenfalls werden unsere Trampelpfade ein bisschen eingeschränkt, Kollegen. Weil wir halt selber zunehmend eingeschränkt sind im Trampeln. Seit wann gilt jede Einschränkung als Diskriminierung? Wo ist denn einer von uns wirklich ausgeschlossen worden? Bis dahin wirkt das präventive Jammern über vage «Signale» wenig überzeugend. Junge erhalten auch allerlei Signale.

Und was die andere  «Belastung» angeht, der «ständige Vorwurf, die heutigen Alten lebten auf Kosten der jungen Menschen»: Das muss aus dem eigenen Unterbewusstsein stammen, denn da ist wirklich etwas dran. Solange wir uns weigern, Pensionsgrenzen an die Lebenserwartung zu knüpfen, leben wir Alten tatsächlich auf Kosten der Jüngeren, selbst dann, wenn wir unsere Pension der Mehrwertsteuer belasten. Es ist bemerkenswert luxuriös, über «psychische» Belästigung im Alter zu klagen, wo die Jungen die Zeche bezahlen. Da könnte sogar ich mich belästigt fühlen – durch ein Diskriminierungs-Geheule, das uns Alte als weggedrückte Opfer einer altersfeindlichen Gesellschaft vorführt. Wo wir mehrheitlich doch selber kräftig am Drücker sind, als rastlose Endverbraucher unserer feudalen Lebenschance.

Meine Generation (ich bin 75) ist die verwöhnteste Generation, die je ins Alter kam. Ab 1945 ging es stets aufwärts, mit der Freiheit, dem Wohlstand, dem Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Sicherheit, steigende Renten, Autos für alle, Farbfernseher, Spitzenmedizin, Smartphones, Spitex, Rega… Nicht dass wir faul gewesen wären, oh nein, im Gegenteil, wir waren fleissig am Werk, oft richtig tüchtig, wir lebten nach dem Motto «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Dafür wurden wir aber auch reich belohnt. Der Lauf der Welt war uns gewogen, Kriege und Katastrophen blieben uns erspart, unsere Zeit kannte nur eine Richtung: aufwärts. Wir erlebten die Welt wie eine moralische Anstalt, darin ging es zu und her wie in der Volksschule: Die Tüchtigen kamen voran, Faule und Dummköpfe blieben sitzen. So begannen wir zu glauben, wir hätten den ganzen Fortschritt verdient, all das, was besser geworden ist, sei unser Verdienst, nicht unser Glück.

In diesem Selbstverständnis leben wir munter weiter, selbstzufrieden mit uns und unserer Welt, dem angeblich so brutalen Arbeitsleben sind wir erstaunlich unbeschadet entkommen, die meisten bleiben viele Jahre kräftig und unternehmenslustig, ein Alter von 90 wird absehbar normal. Nur zögerlich regt sich die Einsicht, dass die Rechnung nicht aufgeht, wenn die Fraktion der Passivmitglieder stets grösser wird, die Gruppe der Erwerbstätigen stets kleiner. Erst allmählich dämmert es einigen, dass die Welt, die wir den Jungen übergeben, mindestens so vertrackt wie picobello ist. Sodass wir – statt über «gefühlte Diskriminierung» zu lamentieren – uns überlegen könnten, wozu wir noch brauchbar wären. Statt 25 Jahre Urlaub zu machen. Und damit andern wirklich lästig zu fallen. Uns selbst obendrein.

Flyer zum Buch "Für ein Alter, das noch was vorhat" von Ludwig Hasler